Roma in Europa - Jahrhunderte ohne Freunde?


1.
Wenn wir (Nichtroma) uns nachhaltig leiden können wollen, wird das nicht wirklich auf der Basis von Ressentiments gegen Roma funktionieren.
2. Diesen Ressentiments liegt ein Minderwertigkeitsgefühl zugrunde, das sich auf Emotionalität bezieht.
3. Feindseligkeit gegen Roma ist Rassismus in Reinform - jedenfalls in unserem Kulturkreis Rassismus in einer Art Urform. Er drückt sich durch Hetze aus, auch durch Ignorieren und darin, Roma nicht selbst zu Wort kommen zu lassen.
4
. Auch die antiromantischen Reflexe vieler Intellektueller behindern eine Auflöung dieses Feindseligkeit.

Ein paar der zu klärenden Fragen:
1. Worum geht es Meinungsmachern, wenn sie über Roma sprechen ohne diese zu Wort kommen zu lassen?
2. Ist es konstuktiv Menschen, die sich in Bezug auf Roma menschlich verhalten mit der Romantikkeule zum Schweigen zu bringen? -
3. Gibt es in unserer akademischen Tradition rassistische Fallstricke?
4. Ist Breivig gesund?
5. Gibt es in unser Kultur eine romafreundliche Tradition?

Hauptthese:
Die 600 Jahre alte romafreundliche Tradition unserer Kultur ist immer wieder so unterdrückt worden, dass selbst gutwillige Forscher sie nicht wirklich erkennen, bzw. würdigen. So können sie aber auch nur wenig dazu beitragen sie zu stärken und ihr eine breitere Basis zu geben.


Von Kindheit an bin ich für romafeindliche Ressentiments sensibilisiert, habe jahrzehntelang als Psychologe und Psychotherapeut auch mit entsprechenden Rassisten gearbeitet und erfahren, dass sich Rassismus in Richtung Liebesfähigkeit auflösen kann. Außerberuflichen Kontakt habe ich schon immer am liebsten mit schon von sich aus menschlicheren Menschen (von denen ich glücklicherweise auch viele zu behandeln und zu beraten hatte). Auch für sie ist es gut die Psychologie einer Feindseligkeit zu verstehen, die ihnen selbst eher fremd ist.

Ich bin Jahrgang 1946, aber Blogtechnisch (lernbereiter) Anfänger. -

Nach einem Klick auf "2012" erscheinen - wenn ihr wieder runterscrollt - die Titel meiner Posts (fragt mich nicht warum das so ist) Am besten lest ihr zuerst "Europa braucht Roma ...Teil 1" oder zum Thema Breivig, oder "Für Europa heißt auch für die Roma"
Vielleicht kriege ich das mal eleganter hin.

Montag, 22. Oktober 2012

Breivig kränken? Hitler heilen? Zur Verurteilung Breivigs

Als Breivig verurteilt wurde, schrieb ich spontan darüber welche gesellschaftlichen Auswirkungen des Urteils ich mir vorstellte. Der Haken dabei war, ich schrieb fast nur für mich. Jetzt versuche ich als schon etwas älterer Mann es mit einem Hobby der Jüngeren von heute, einem Blog - und stelle hinein, was ich schrieb. Also - los geht's:

Alle akzeptieren, begrüßen sogar das Urteil gegen Breivik, dass er nicht psychisch krank sei und als zurechnungsfähig zu gelten habe. Ich befürchte, dass ein anderes Urteil besser gewesen wäre und will es begründen:

Es gibt viele mehr oder weniger psychisch kranke Menschen, die dazu stehen, dass sie krank sind und geeignete Hilfe annehmen oder vermissen. Es gibt auch psychisch kranke Menschen, die nicht dazu stehen, nicht "krankheitseinsichtig" sind und ihr Problem anders ausagieren, oft durchaus kreativ-konstruktiv, zu oft auch leider destruktiv, gegen sich selbst, oder manche sogar noch schlimmer, gegen andere. 
Um eine Untergruppe der Letztgenannten geht es mir hier, um psychisch kranke Menschen, die nicht nur nicht dazu stehen, dass sie krank sind, sondern sich im gleichen Zusammenhang in Nazigedanken hineinsteigern. Ihr Nazitum ist für sie geradezu dazu da, hat speziell diese Funktion für sie, vor sich und anderen als normal zu gelten, als extrem ja, aber nicht als krank und ihre innere Spannung so zu rechtfertigen und zu kanalisieren. 

Während linke Politaktivisten, wenn sie psychiatrisiert werden, es im allgemeinen eher ablehnen an die sie betreffenden Diagnosen der sie einweisenden Ärzte zu glauben (unabhängig davon ob sie sich eventueller eigener psychischer Krankheit bewusst sind) denken und handeln Nazis wie Breivik in vergleichbaren Situationen anders. Ihre hohe innere Spannung ist verbunden  mit ihrem pathologischen Glauben an ein Recht und eine Ordnung in dem Recht nur auf Ordnung beruht, Menschlichkeit keine eigenständige Kategorie ist - und mit dem Glauben an eine dem entsprechende wissenschaftliche Autorität.
Mitunter spüren sie die abgewehrte eigene Pathologie (mehr oder weniger bewusst), gewöhnen sich aber an, daraufhin immer gleich mit neuem Hineinsteigern in ihr Nazitum zu reagieren, was sowohl dieses als auch die persönlich zugrunde liegende Pathologie verstärkt. Wenn sie als psychisch krank diagnostiziert werden würden, wäre ihr Abwehrsystem bedroht. Breivig wartete panisch und gebannt auf das Urteil der Autorität und war dann erleichtert, keine Diagnose zu bekommen. 
Natürlich hatte er für sich schon gezweifelt, ober er verrückt sei. Aber mit dem Urteil war für ihn wieder alles „normal“ - extrem aber normal: "extrem normal" sozusagen  - und somit gerechtfertigt, was er getan hatte - 
Und mit ihm empfinden das Hunderte, oder wer weiß wie viele Gleichgestimmte und die werden wieder andere zu überzeugen suchen:
"Er hat nur mehr Mut und strategische Fähigkeiten als wir selbst! Er kann auch ohne die Gruppe. Er ist ein großer Bruder im Geist, ein Idol, ein notwendig mörderischer, aber ein Held."
So schwindet unter, dem Nazinachwuchs zumindest vorerst ein weiteres Stück vom Rest der Unsicherheit darüber, ob man normal ist, wenn man auf einfachste Menschlichkeit pfeift. So stärkt sich die Krankheitseinsichtsabwehr und das heißt: 

Die krasseste Rechtsszene fühlt sich durch das Urteil gegen Breivig gestärkt!

Als es verkündet wurde, hat man sich darüber gewundert, wie sehr er sich erleichtert, geradezu triumphierend erleichtert darüber zeigte, dass man seine Tat nicht als in psychischer Krankheit begründet, bewertete. Aber dieses Wundern währte nur kurz und wurde nicht Gegenstand weitergehender Reflexion.
Ich habe viele so kurzsichtig wie gut gemeinte Argumente gelesen, die das Urteil loben, als hätte es kein besseres geben können und mir wurde schlecht. Nicht weil ich etwas gegen die Menschen hinter den Argumenten empfand, sondern weil ich das Gefühl bekam, mit dem allein zu sein, was ich fühlte und dachte.
Ich neige zu Bescheidenheit, scheue leicht davor zurück, als "Besserwisser" beurteilt zu werden, aber meine Erfahrungen aus der Arbeit mit gewalttätigen Neonazis haben mich etwas gelehrt wonach ich in den von mir rezipierten Medien vergeblich suchte. Ich will es wenigstens kundtun:

Wenn wir Wiederholungen seitens dieses Täters und seiner Fans entgegentreten und den Hinterbliebenen der Opfer gerecht werden wollen, müssen wir einen Fakt anerkennen:
Dieser Tätertyp wird je schwerer und nachhaltiger psychisch krank, desto mehr er sich vordergründig als gesund darzustellen versucht, oder dargestellt wird. So wird auch die Strafe keinen positiven Effekt haben. So wird seine Abwehr stabilisiert, der Weg zur Krankheitseinsicht bleibt verschlossen und zugleich der zur Reue, der sonst Einsicht unterstützen könnte.
Dieser Täter braucht Klarheit und zuerst die Klarheit der Anerkennung seiner Krankheit, die Diagnose - und genau so sehr die Anerkennung seiner Tat und die Bestrafung!
Strafmündigkeit und psychische Krankheit dürfen sich in seinem Fall nicht ausschließen! 
Dafür gibt es die forensische Abteilung in einer Klinik, oder die psychiatrische in einem Gefängnis – letztlich egal, denn sie nehmen sich nicht viel. Sie entsprechen seiner Realität, würden sein Realitätsbewusstsein unterstützen, auch das seiner Anhänger, auch unseres und was am vordringlichsten ist, das der Opfer - soweit sie noch leben - und der Angehörigen der Opfer.
Das was bisher geschehen ist, hat jetzt nur die bekannte Ruhe nach dem Sturm zur Folge. Es war einfach zu viel, man kann nicht mehr. Aber man wird sich noch besinnen müssen, denn der Sturm ist in seiner Besonderheit nicht angemessen analysiert worden. 
Wir dürfen uns nicht scheuen die "Breivigs" (die, die tötend vorangehen) und die "Hitlers" (die die töten lassen) in einem bestimmten Punkt zu kränken, auch um die Chance sie zu heilen nicht zu verspielen. 
Nebenbei: Ich habe leider immer noch keinen Film von Herbert Achternbusch gesehen und keinen längeren Text von ihm gelesen, aber seine Formulierung "Heilt Hitler" (Titel eines Film von ihm) fand ich schon immer genial.
(Einschub 2013: Erst jetzt erfuhr ich, dass die Formulierung "Heilt Hitler!" historisch zuerst von klugen Gymnasiasten während der Nazizeit benutzt wurde, eventuell ihnen das Urheberrecht gebührt) 
Ich hatte das Glück Heilungen von Hitleristen miterleben zu können. Es ist möglich. Wenn ich jemanden als psychisch krank diagnostizierte, geschah das in helfender Absicht und erforderte die Bereitschaft ihm durch Kränkungen hindurchzuhelfen. 

Ich hätte gerne Austausch mit Menschen, die mit dem, was ich hier schrieb etwas anfangen können. 

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