Roma in Europa - Jahrhunderte ohne Freunde?


1.
Wenn wir (Nichtroma) uns nachhaltig leiden können wollen, wird das nicht wirklich auf der Basis von Ressentiments gegen Roma funktionieren.
2. Diesen Ressentiments liegt ein Minderwertigkeitsgefühl zugrunde, das sich auf Emotionalität bezieht.
3. Feindseligkeit gegen Roma ist Rassismus in Reinform - jedenfalls in unserem Kulturkreis Rassismus in einer Art Urform. Er drückt sich durch Hetze aus, auch durch Ignorieren und darin, Roma nicht selbst zu Wort kommen zu lassen.
4
. Auch die antiromantischen Reflexe vieler Intellektueller behindern eine Auflöung dieses Feindseligkeit.

Ein paar der zu klärenden Fragen:
1. Worum geht es Meinungsmachern, wenn sie über Roma sprechen ohne diese zu Wort kommen zu lassen?
2. Ist es konstuktiv Menschen, die sich in Bezug auf Roma menschlich verhalten mit der Romantikkeule zum Schweigen zu bringen? -
3. Gibt es in unserer akademischen Tradition rassistische Fallstricke?
4. Ist Breivig gesund?
5. Gibt es in unser Kultur eine romafreundliche Tradition?

Hauptthese:
Die 600 Jahre alte romafreundliche Tradition unserer Kultur ist immer wieder so unterdrückt worden, dass selbst gutwillige Forscher sie nicht wirklich erkennen, bzw. würdigen. So können sie aber auch nur wenig dazu beitragen sie zu stärken und ihr eine breitere Basis zu geben.


Von Kindheit an bin ich für romafeindliche Ressentiments sensibilisiert, habe jahrzehntelang als Psychologe und Psychotherapeut auch mit entsprechenden Rassisten gearbeitet und erfahren, dass sich Rassismus in Richtung Liebesfähigkeit auflösen kann. Außerberuflichen Kontakt habe ich schon immer am liebsten mit schon von sich aus menschlicheren Menschen (von denen ich glücklicherweise auch viele zu behandeln und zu beraten hatte). Auch für sie ist es gut die Psychologie einer Feindseligkeit zu verstehen, die ihnen selbst eher fremd ist.

Ich bin Jahrgang 1946, aber Blogtechnisch (lernbereiter) Anfänger. -

Nach einem Klick auf "2012" erscheinen - wenn ihr wieder runterscrollt - die Titel meiner Posts (fragt mich nicht warum das so ist) Am besten lest ihr zuerst "Europa braucht Roma ...Teil 1" oder zum Thema Breivig, oder "Für Europa heißt auch für die Roma"
Vielleicht kriege ich das mal eleganter hin.

Freitag, 26. Oktober 2012

Europa braucht Roma und Stärkung seiner....Teil 3

Freundschaft, Feindseligkeit, Verklärung 

Wenige werden auch nur wenigen anderen persönlich vertraut sein können. So ist es verständlich, dass auch die Freunde der Roma schon immer eine Minderheit innerhalb ihrer "Mehrheitsgesellschaft"  waren. 
Beide Minderheiten entwickelten über Jahrhunderte Erfahrung miteinander, erkannten und halfen sich. In guten Zeiten  nahmen viele Mitbürger daran  positiv Anteil. In schlechten Zeiten, in denen  Freundschaft mit Roma bestraft wurde, verhielten sich immer noch etliche von ihnen tolerant, während Spitzel und Hetzer Konjunktur hatten und die Masse in Deckung ging oder mitmarschierte-

Vielen Menschen wurden und blieben die Roma Inbegriff des Fremden. Das bedeutete auch Feindseligkeit, traf auch deren Freunde und Sympathisanten und nicht nur in bewusster und offener Form.  Eine aktuelle Variante, die sich vordergründig nicht gegen Roma selbst richtet, ist die Neigung seitens dem eigenen Selbstverständnis nach gewaltfreier "gebildeter Intellektueller" Sympathie für Roma als romantische Verklärung herabzuwürdigen. (Diese antiromantischen Reflexe sind allerdings um vieles gutartiger als pseudoromantische Hinterhältigkeit, wie sie unter Hitleristen gehäuft zu finden war und die von Eva Justin auf die Spitze getrieben wurde.) 
In gewisser Weise gibt es alle diese "Positionen" heute noch, aber glücklicherweise auch eine reifere Zivilgesellschaft. Stark und reif genug?
Zusatz: 
Ich muss in diesem Zusammenhang zugeben, dass ich mitunter schon selbst und unhinterfragt die  geläufige Formulierung "romantische Verklärung" benutzt hatte. Aber als mir das vor auf natürliche Art romantischen und darüber stolzen Frauen und Männern passierte, die menschlich zu bewundern ich Anlass hatte, schämte ich mich und nahm mir vor: Die bei vielen Intellektuellen beliebte Herablassung gegenüber Romantischem will ich nicht teilen! Im Gegenteil und darum will ich nicht mehr in deren Horn tuten.
Die blaue Blume der Romantik symbolisiert nicht nur Verbundenheit mit botanischer Natur und stimmungsvollen Lichteffekten, sondern auch mit ehrlicher Menschlichkeit. Sie ist auch ein Symbol gegen überhebliche Unterdrückung von Gefühl und auch indem sie sich oberflächlicher verbaler Deutungen entzieht. Die Romantiker der Blauen Blume sind, jedenfalls in ihrem Kern, ein Teil unserer unterdrückten romafreundlichen Tradition.  
Jenseits von Romantik: Ich kenne die europäischen Länder nicht gleich gut und zu wenig Rumänien, wo Roma eine größere Minderheit waren und lange versklavt waren. Aber ich wünsche diesem Land, dass es dort einmal einen Präsidenten geben wird, der Romaahnen hat, so wie es in den USA einen Präsidenten gibt der schwarze Ahnen hat und eine First Lady, deren Ahne ein berühmter Sklave war.

Wie entstehen und wie verfestigen sich Bilder?

Bilder in Menschenköpfen entstehen und vergehen. Manche festigen sich.
Der sog. Antiziganismus festigte sich im Laufe der Geschichte Europas, wie sich hier kein anderer Rassismus festigte! Warum? Da ist viel zu erforschen, aber schon einige Informationen reichen aus, um sich vor Augen zu führen wie im Falle der Roma das Bild vom so sehr „Anderen“ in der Mehrheitskultur konstruiert und vor allem wie es sich so besonders verfestigen konnte.
Zum Ersteren:
Speziell in deutschen Landen wurde, schon angesichts der ersten dort wahrgenommenen Roma, ein böser Verdacht konstruiert, der Verdacht der Spionage für die Türken, der in der Geschichte später als Spionageverdacht in Bezug auf andere Feinde wiederholt wurde und der sich, nach den bisher bekannten historischen Dokumenten zu urteilen, in wahrscheinlich keinem Fall bewahrheitete. Er sorgte aber sofort dafür, dass Roma von entsprechenden Einpeitschern von vorneherein zu Feinden erklärt und diese Lügen und diese Feindschaft tradiert wurde (Die Kirche tat das ihrige aus ihrem Repertoire dazu). 
Zum Zweiten:
Diese und andere Verleumdungen wiederholten und verfestigten sich in den Jahrhunderten, in einem Ausmaß, in dem sich Verleumdungen gegenüber anderen Völkern, oder Nationen, nicht verfestigten. Dazu trug sicher eines bei: 
Wenn andere "Fremde" durch Politik zum Feind wurden und in der Folge ihre Andersartigkeit betont und dämonisiert wurde, so trug doch etwas später wiederum Realpolitik dazu bei, dass sie zum Freund erklärt, die Gemeinsamkeiten betont und die "Andersartigkeit" gemocht werden durfte. 
( Ein noch recht junges Beispiel: "Der Franzose" als Todfeind "des Deutschen" und dann wieder als Freund. Sehr aktuell: Die gesellschaftliche Dynamik bei manchen Muslimen in Bezug auf den Westen und bei manchen Nichtmuslimen in Bezug auf Muslime. Diese hat sich historisch schon oft verändert - in diese und in jene Richtung - politisch bedingt) 

Über die Roma aber gingen diese „Händel der großen Nationen“ weitgehend hinweg,  
(Formulierung aus einem Lied, das ich als Pfadfinder lernte: „Ich kenne Europas Zonen, vom Ural bis........ich bin nur ein armer zerlumpter Zigeuner......“) 
Nie sorgten politisch-strategische Bündnisse vergleichbar dafür, dass Roma wieder anders als zuvor bewertet wurden.  Für die Vielen, die sich nur nach ihrer Obrigkeit und der Kirche richteten, sich nach oben duckten und nach unten traten, blieben sie so sehr nachhaltig „die Fremden“, wurden, über Generationen hinweg, zum „Fremden per Se“, zu einer Art Symbolträger für den Fremden als Minderheit, zum Inbegriff des Außenseiters, des schwarzen Schafs als Sündenbock. - 
Beruht die Hetze gegen den Sündenbock auf Bösartigkeit, Hörigkeit, Untertanengeist, Feigheit, pathologischem Gehorsam, oder bloßer Verführbarkeit?  Geht es dabei nur um Anpassung, Funktionieren, oder echtes eigenes Gefühl? Das soll hier erst einmal offen bleiben. Fest steht:
Das der Allgemeinheit verordnete Bild von manchen anderen Völkern konnte zwischenzeitlich in ähnliche Richtung tendieren, wie das von den Roma, durfte sich aber auch wieder weiter wandeln. Das Bild vom „Zigeuner“ wurde fixiert, wurde zu einer Fiktion. 
Auch andere, nicht völkisch oder national definierte "Fremde" wurden zeitweise in durchaus ähnliche mentale Kästchen eingeordnet. Sobald sie eine positive politisch-strategische Rolle bekamen, wurden sie aus diesen Kästchen aber wieder entlassen, wurden sozusagen „ordentliche Fremde“. Die Roma aber blieben im Vergleich immer in der gleichen Schublade des die  Mehrheitsgesellschaft dominieren wollenden Denkens (darf man da das schwarzgelbe Wort Leitkultur verwenden?) Und gerade wer Roma nie persönlich kennengelernt hat, leistet sich eine Meinung über sie.

Seltenheitswert 

Viele Untergruppen der Völker Europas sind weniger Jahrhunderte in ihrem Land als die Roma/Sinti. Letztere waren oft schon vor  Jahrhunderten da, zogen z.T. umher und hatten in vielen Regionen auch einen gewissen Seltenheitswert. Dazu kam  etwas, was Nichtroma anscheinend dazu "einladen" kann es zu "verklären" oder auch zu dämonisieren.

Was wird eigentlich "verklärt"? 

V
iele Nichtroma konnten oft nicht viel mehr als nur ihre unmittelbare Nachbarschaft erfassen. Viele Roma lernten dagegen nicht nur  unterschiedlichste Regionen Europas kennen, sie machten auch Erfahrungen mit anderen Romagruppen, sowie mit unterschiedlichsten Gruppen der sog. Mehrheitsbevölkerung - und alle diese Erfahrungen machten sie im Kontext der eigenen Gruppen und auch schon in  Jahrhunderten vor ihrem Erscheinen in Europa.
Informationsverarbeitung und Reflexion waren so immer eng mit reichhaltiger Beziehungs- und Begegnungserfahrung und Respekt zwischen den Generationen verbunden. Da wo so etwas bei Menschen gelingt, kann es eine emotionale Stärke und eine Stärke des persönlichen Ausdrucks der eigenen Emotionalität fördern. Insoweit sie vorliegt, wird sie schicksalsbedingt individuell unterschiedlich ausgeprägt sein und konnte unter für viele Nichtroma schwer vorstellbaren Bedingungen vielleicht auch nicht immer und überall ausreichend genug gepflegt werden.  Aber deren bewusste oder auch unbewusste Wahrnehmung seitens mancher Angehöriger der sog. Mehrheitsgesellschaft trug vielleicht zu dem bei, was man respektlos „romantische Verklärung" nannte/nennt. 
Eine Rolle spielt in diesem Zusammenhang vermutlich auch, dass Roma, gezwungen aus der Not eine Tugend zu machen, als Nomaden erlebt wurden, die positiven Aspekte davon auch zu genießen versuchten und damit an unser aller nomadisches Menschenerbe rührten.
Das alles hat auch Neid und diffuse Ängste geweckt, wurde mit demonstrativer Verachtung abgewehrt und mitunter wechselten die Reaktionen ambivalent. Vieles davon geschieht heute noch. In dem Maße wie sich die Lebensweisen von Roma und Nichtroma nicht (mehr) unterscheiden, verliert dieses Thema seine Bedeutung. 

Ressentiment 

Die von Menschen oft nur unbewusst wahrgenommene, manchmal vielleicht auch nur phantasierte emotionale oder geistige Stärke von anderen, facht bei entsprechend strukturierten Persönlichkeiten Ressentiments an. Ressentiments ähnlich denen, die historisch der „Spießer“ auf Künstler, oder aktuell Autoritätshörige in Diktaturen in Bezug auf nicht genehme Künstler, oder andere Freigeister empfinden. Sind diese Nichtroma können sie in ihrer Fremdheit u.U. noch als sozusagen „Fremde der eigenen Familie“ toleriert und durch Bildung, Kompromisse und gesellschaftliche Entwicklungen rehabilitiert werden. Ressentiments gegen Roma verankern sich tiefer. (Siehe oben)
Die erwähnten „entsprechend strukturierten Persönlichkeiten“, die in besonderem Ausmaß zu Neid neigen, schwangen und schwingen die Keule demonstrativer Verachtung, weil sie sich selbst, als individuelle Menschen, minderwertig fühlen. Dieses Minderwertigkeitsgefühl versuchen sie durch Zugehörigkeit zu einer starken Gruppe, einer "Elite", oder ganz platt, einer "Mehrheit", die einer Minderheit „überlegen“ oder wenigstens bevorrechtet sein soll, zu kompensieren. Da das so konstruierte Selbstbewusstsein künstlich ist, befriedigt es nicht anhaltend und so steigern sie sich immer wieder suchtartig in ihrer immer gleichen Strategie, entwickeln stereotype Verhaltensmuster, stereotype Redewendungen und: Aus dem Wissen heraus, dass die Mehrheit als solche verführbar ist, engagieren sie sich sogar politisch. Im Sinne des eigenen Ressentiments. 

Die eingebildete Homogenität der sog. Mehrheitsgesellschaft.

Dabei überhöhen und überbetonen sie propagandistisch die eigene Mehrheitszugehörigkeit. Sie tun so, als wenn diese Mehrheit aus lauter gleich fühlenden und gleich denkenden Menschen bestände und nicht aus Menschen, von denen jeder, in dieser, oder jener Hinsicht auch zu Minderheiten gehört. Sie suggerieren eine Homogenität, die eingebildet ist, die es nur als Anpassungsfassade geben kann und versuchen so einen Anpassungsdruck aufzubauen. 
Da die Mehrheitshomogenität bloß eingebildet ist, dient den Hetzern ein Sündenbock, dem gegenüber sie real erscheinen soll, als scheinbar für alle offensichtlich Anderer
Und scheinbar als Nebenprodukt des Kampfes gegen diesen, in Wirklichkeit als ihren hauptsächlichen, propagieren sie einen Kampf gegen "Mehrheitsangehörige", die anders fühlen und denken als sie selbst, (den  Freunden des Sündenbocks). Dabei führen sie auch einen Kampf um dessen potentielle Freunde. Wen es nicht gelingt, auf die eigene Seite zu ziehen, dessen Mehrheitszugehörigkeit stellen sie in Frage und erklären ihn ebenfalls zum Vertreter einer oder mehrerer zu bekämpfender Minderheiten. Denn: Als Mehrheitsvertreter sollen nur fantasierte Ihresgleichen gelten. (Fantasiert, weil diese untereinander real auch unterschiedlich sind, Ihresgleichen, weil sie bereit sind, das gleiche Spiel zu spielen.)
Diese Vorgehensweise kennen wir in Europa von rechts und viele haben sie durch den realen Sozialismus leider auch von (pseudo-)links erleiden müssen. Und von der sog. Mitte? 

Angstreduktion.

Die Strategie des Ressentiments kann auch in Bezug auf einen Teil der Menschen, die ansonsten nicht so extrem von Sozialneid zerfressen sind, wie die originären Antiziganisten, recht effizient funktionieren. Sie funktioniert bei denen, die es gewohnt sind, sich vor allem aus Gründen der persönlichen Angstreduktion nur als Mehrheitsangehörige zu betrachten. Die, die diesen „Status“ psychisch nicht so sehr zur Angstreduktion benötigen, sind dafür weniger anfällig.

Mehrheits- und Minderheitserfahrung.

Real ist jeder Mensch Angehöriger der Mehrheitsgesellschaft seines Landes und zugleich Angehöriger verschiedener Minderheiten, was sich auf alle möglichen Unterscheidungsmerkmale beziehen kann. Und so kann jeder von seinen Minderheitserfahrungen her unter dem Ressentiment anderer leiden und partiell blind vor Angst werden. 
(Wer z.B. einen ihm fremden Ort mit vielen unbekannten und nicht sicher einzuordnenden Menschen betritt und seitens einem dieser Menschen Aggression erfährt, erlebt den Gegner oft zu schnell auch als Vertreter all der Anderen.)

Bewusste Minderheitserfahrung. 

Manche Menschen sind in ihrer jeweiligen Minderheitserfahrung aber auch klarsichtiger, bewusster und selbstbewusst. Sie differenzieren  effizienter zwischen den Vielen. Häufig mussten sie das schon früh in ihrem Leben lernen und genossen dabei u.U. den Kontext verständnisvoller Familien- und/oder Freundschaftsbeziehungen. So etwas hilft in entsprechenden Situationen des weiteren Lebens,  nicht so leicht von Angst gelähmt zu werden, oder nicht gelähmt zu bleiben und eine gewisse Angst sogar als Kreativität auslösend zu erleben. Das kann natürlich auch auf Roma zutreffen. 

Nun, so vieles könnte zutreffen und Spekulieren an sich ist noch nicht falsch, wenn man es nicht mit überprüfter Realität verwechselt. 
Natürlich trennen Extrembedingungen, wie sie z.B. bei Ghettoisierung von großen Gruppen herrschen, Menschen von vielen wichtigen Erfahrungen. Interne Kommunikationsstrukturen können dann (müssen aber nicht!) zugunsten einfach nur „starker“ Mitglieder, verschoben und die Position weiserer Mitglieder geschwächt werden. Ich weiß nicht wie Roma untereinander umgehen, die im Kommunismus bereit waren weitgehend auf ihre Romaidentität und Sprache zu verzichten, vielleicht nur noch Rumäne sein wollten und dann nach Auflösung der Genossenschaften aus dem sozialen Netz fielen. (Im Kommunismus hatten sie Arbeit und Wohnung.) Noch schlimmer muss es für die sein, die man, weil man meint, dass ihre Anwesenheit in den Städten  dem Tourismus schade, in entfernt liegende reine Gettos zwangsaussiedelt. Dort ist ihnen kaum noch konstruktiver Kontakt mit Nichtroma möglich. Wie gehen sie dann untereinander um? Ich weiß es aktuell noch nicht, aber würde mich nicht wundern, wenn ich erfahren würde, dass sie dabei miteinander immerhin noch besser umgehen, als es viele Nichtroma unter vergleichbaren Bedingungen tun würden. 
Auch Gruppen, die ihren Strukturen treu zu bleiben versuchen, werden unter schlimmen Bedingungen unter Erfahrungsverlusten leiden. Tragende tradierte Stärken des Zusammenhalts werden bei Menschen oft besser in überschaubaren und vor allem beweglichen Gruppenzusammenhängen gepflegt. In ihnen werden weisere Mitglieder mit u.a. diplomatischer Begabung und Erfahrung mit der Außenwelt intern leichter aufgewertet. 

Solche Gedanken liegen nahe, weil Entsprechendes allgemein für Menschengruppen gelten kann, aber man sollte davon keine Gewissheiten ableiten, wenn man sich im konkreten Fall nicht gut genug auskennt. Man sollte immer im Kopf haben: Roma werden von Nichtroma nur allzuoft als Projektionsfläche für den eigenen Schatten missbraucht!


Sich nicht selbst begreifen

Meine persönlichen Erfahrungen weisen in diese Richtung: Je mehr jemand zu Antiziganismus neigt, desto mehr ist er von Neidgefühlen und Angstvorstellungen aus der Welt zu fallen, bedroht, desto weniger begreift er sich selbst und desto destruktiver sind seine Versuche seine Ängste abzuwehren.
Hintergrund ist in der Regel eine entsprechende Beziehungsdynamik der das Leben des Antiziganisten prägenden Menschen, die auch seine Fantasie vom Zigeuner prägte. Meist handelt es sich um ein nicht durchschautes  Mehrgenerationenerbe, in dem besonders viele Fakten aus der eigenen Familiengeschichte verschwiegen wurden. 


Wahrnehmung anderer Minderheitsvölker:

Es gibt natürlich Minderheitsvölker in Europa, über die die „Händel der großen Nationen“ (s.o.) nicht so hinweg gingen und gehen, wie über die Roma, weil sie, wie z.B. Kaschuben, Sorben u.a.m. als Minderheit nur in einer bestimmten Region leben und so nur dort erlebt werden, wo ihr Siedlungsgebiet ist, oder angrenzt. 
Dadurch werden sie darüber hinaus nicht zum Inbegriff des Fremden, wie die Roma, sondern sind ganz einfach die und die Minderheit, die mehr oder weniger fern ist und mehr oder weniger toleriert wird. „Mehr oder weniger“ impliziert hier, dass ihre Probleme im Einzelfall groß sein können, es aber nicht sein müssen und oft auch nicht sind. Darauf will ich hier nicht weiter eingehen. Eingehen werde ich aber noch auf das Thema Europa und Juden und Europa und antiislamische Hetze.

Europa braucht Roma und Stärkung seiner.....Teil 4


Rivalistisches Denken - Neid  

Wetteifern kann offen geschehen, kann fair und gesund sein, kann konstruktiv die beteiligten Rivalen fördern. Dagegen ist rivalistisches Denken und Handeln nicht offen, verstellt sich, ist nicht fair, produziert krankhaften Neid. Das was man Ressentiment nennt, ist  destruktiv. Es entspringt eigenen Defiziten, aber steht nicht dazu und hatte sich in Europa schon auf Juden eingeschossen, als dort noch keine Roma erschienen waren. Vordergründig ging es dabei lange um Religion, aber dahinter immer schon um Bildung, Geist, Wissen, Weltläufigkeit, Besitz, - also Rivalität in Bezug auf eher Rationelles, Bewusstes.

Henne oder Ei?

Wenn man will kann man sich endlos darüber streiten ob Neid einem rivalistischen Denken entspringt, oder letzteres eine Folge von Neid ist. Wer war eher, die Henne oder das Ei? Beides kann man begründen. Aber weil Denken und Fühlen letztlich auch eine Einheit sind, kann man den Streit auch lassen. Beide Vorgehensweisen haben ihre Vor- und - Nachteile. 
Mit "Denken" kann man auf Dauer leichter trennscharf argumentieren, denn Neid, Angst, gehässiger Triumph, Verachtung und vielleicht noch andere Gefühle, können alle gleichermaßen rivalistischem Denken entspringen, aber ein manchmal nicht gleich verständliches dynamisches Zusammenspiel entfalten. So ist es oft nicht so leicht möglich, sich bei dem Thema "Gefühl" sprachlich nur auf einen Begriff festzulegen und es wird noch schwieriger, wenn man aus einer Sprache in eine andere übersetzt.  
Andererseits können wir Gefühle direkt spüren während wir uns rivalistisches Denken erst gedanklich erschließen müssen. Nun - große Psychologen haben mit dem Begriff Neid argumentiert und ich werde es auch tun, streckenweise jedenfalls.

 Einschub:

Ich las in der TAZ, dass ein Götz Aly in einem 2011 erschienenen Buch, Neid als Motiv des Antisemitismus hervorhebt. Der Artikel  erweckt den Eindruck, dass das eine neue Erkenntnis ist. Als ich 2010 von Neid auf Juden und Roma schrieb, ging ich davon aus, dass die Annahme eines Neides als Motiv für Antisemitismus im kritischeren öffentlichen Bewusstsein längst enthalten, oder jedenfalls ihm nahe ist. Und erwähnte ihn vor allem, um davon einen schwieriger fassbaren und viel leichter zu  übersehenden Neid abzugrenzen, der aus rivalistischen Gefühlen gegenüber Roma resultiert. Mir ging es darum den Unterschied zwischen diesen beiden Neidformen herauszuarbeiten.


Neid auf Roma? 

Er existierte und existiert. Aber worauf bezieht er sich? Nachdem erste Roma in Europa als Pilger wahrgenommen wurden, kam für nachfolgende Gruppen bald eine "goldene Zeit", eine Zeit in der sie mit Privilegien der Adligen ausgestattet wurden. Dass sie deshalb beneidet wurden, ist einfach zu verstehen. Aber das währte nur wenige Generationen lang, (zwischen 40 und 80 Jahre), dann hatten sie jahrhundertelang weniger Rechte als jeder andere Europäer, waren hier sogar vogelfrei und da versklavt und schließlich sogar Opfer von rassistischem Völkermord. Und auch wenn es ihnen zwischenzeitlich besser ging, gehörten sie im Allgemeinen zum ärmsten Teil der Bevölkerung. Ich erwähnte das bereits und rufe es hier nur ins Gedächtnis, um einer Frage Gewicht zu geben: Um was konnten oder können rivalistische Nichtroma da noch rivalisieren? Worauf konnte oder kann sich Neid da noch beziehen? 
Ich meine: Das Motiv des Antiziganismus ist nicht mit einer bürgerlichen Normalpsychologie zu verstehen, die Neid auf materiellen Besitz, Bildung oder Status leicht begründen kann. Neid auf Roma entspringt einem rivalistischem Denken in Bezug auf teils unbewusstes, teils schwer bewusst fassbares und teils falsch verstandenes Emotionales. Er entspringt einem Minderwertigkeitsgefühl, das sich auf eigene Emotionalität bezieht, nicht bewusst werden darf und in verwandter Form in Bezug auf manche ehemals kolonialisatorisch unterdrückte Menschen existiert.


Penis -, Ratio - und Emoneid.

Analog dem Begriff Penisneid könnte man für die ungleichen Rassismen Antisemitismus und Antiziganismus, als jeweiliges Motiv einen Rationeid und einen Emoneid   postulieren.  

(Mit den Worten Rationeid und Emoneid vermeide ich schwerfällige Formulierungen wie "sich auf Rationalität oder Emotionalität beziehender Neid") 

Der Vergleich mit dem Penisneid diente mir zunächst lediglich dazu, meine spontanen Wortschöpfungen Rationeid und Emoneid sprachlich verstehbar machen. Wenn ich aber einbeziehe, dass die psychoanalytische Annahme des Penisneides insofern fragwürdig ist, dass ein in seinem Stolz von kleinauf respektiertes Mädchen diesen gar nicht entwickelt, gefällt mir der Vergleich ganz gut, denn glücklicherweise (aber schlimm genug) neigen nur rivalistische Menschen dazu, die hier thematisierten rassistischen Neidformen zu entwickeln.

Wie jeder andere Rassismus auch, dienen die beiden Rassismen Antisemitismus und Antiziganismus der Kompensation psychologischer Defizite des Rassisten. Ich wunderte mich, als ich durch einen Wickipedia-Check erfahren musste, dass das keine aktuell selbstverständliche Aussage ist und anscheinend von namhaften Rassismusforschern in Frage gestellt wird.


Rassismusforschern in allem folgen?

Ich las (Wickipedia), dass nach dem Rassismusforscher Memmi,  der Rassismus "primär der Herrschaftssicherung" diene. "Sein Sinn und Zweck läge in der Vorherrschaft und nur sekundär darin psychologische Defizite zu kompensieren". 
Meine Erfahrung mit Rassisten, lässt mich aber darauf beharren, dass Rassismus sehr wohl primär der Kompensation psychologischer Defizite dient und ich glaube, dass Rassismus als Mittel der Herrschaftssicherung ein Zeichen dafür ist, dass in dem Falle auch diese selbst (die Herrschaftssicherung) im Dienste der Kompensation psychologischer Defizite steht. 


Aussagen über wen?

Wenn man über Antiziganismus spricht, muss man aufpassen, dass man nicht mißverstanden wird. Einem Mißverständnis möchte ich hier vorbeugen: Wenn Juden oder Roma seitens besonders rivalistischer Teile unserer Mehrheitskultur als Rivalen  erlebt und beneidet wurden/werden, sagt das sehr viel über Eigenschaften derer aus, die den Neid erleben und sehr wenig über Eigenschaften derer, die so erlebt werden!
Weil aber manche Menschen besonders gerne über die reden, die sie nicht nur nicht kennen, sondern auch nicht kennenlernen wollen, betone ich hier - (und bitte die LeserInnen für die ich das unnötigerweise tue  um Nachsicht), dass es mir um einen Beitrag zur geistigen und emotionalen Verfassung unserer "Leitkultur" geht!
Wer sich einfach nur unbefangen über Roma informieren will, sollte sich an die Roma selbst halten, die übrigens auch im Internet, der Literatur, in Veranstaltungen u.a. präsent sind. Ich schreibe hier für die, die sich darüber hinaus oder überhaupt mit Antiziganismus auseinandersetzen möchten, weil sie diesem bei anderen, oder in Selbstreinigungsabsicht in sich selbst entgegentreten wollen, vielleicht auch um wirklich einmal unbefangen mit Roma in Kontakt treten zu können.

Die Hauptsache: 

Meine Thesen vom Ratio- und Emoneid beinhalten, dass in unserer sogenannten Mehrheitskultur ein besonderes Problem in Bezug auf Rivalität im Zusammenhang mit Rationalität und Emotionalität existiert, von dem die Minderheiten, an denen es ausgetragen wird, nicht die Verursacher sind! 

Daraus folgt, dass sich für uns alle die Aufgabe stellt dieses Problem gewaltfrei und konstruktiv zu lösen und dass das nicht nur den Angehörigen unserer Minderheiten, sondern auch der mentalen Verfassung unserer Mehrheitskultur als Ganzer gut tun würde. 
Ein vereinigtes Europa bietet eine historisch neuartige Chance für  inneren Frieden, auch im Sinne einer Qualitätsverbesserung, Vertiefung  und Nachhaltigkeit derselben. Der Umgang der Nichtroma in Europa untereinander steht in einem Zusammenhang mit ihrem Umgang mit den Roma. Das ist schon lange so und ist zugleich hochaktuell.

Für Eierköpfe eine akademische Selbstreinigung.

Eine Bekämpfung und/oder analytische Auflösung des sog. Antiziganismus muss sich auch von einigen Fesseln frei machen, die von akademischem Denken ausgehen können, sonst blockiert sie sich selbst. Gerade "akademisch Gebildete" neigen mitunter zu  antiromantischen Reflexen, die selbst in streckenweise klugen Ausführungen vorgeblicher Anti-Antiziganisten wie rivalistische Seitenhiebe klassischer großer Brüder gegenüber romantischen jüngeren Brüdern auftauchen. Das geschieht getreu dem alten Kampf zwischen Klassikern und Romantikern, der von Beginn an einer zwischen Platzhirschen und Neuerern war, wobei sich Letztere antiautoritär weigerten ihre Gefühle als Preis für Anerkennung zu opfern. Sie verzichteten auf elitäres Latein und stellten dem klassischen Lateinzwang die Forderung nach einer jedem verständlichen Sprache gegenüber, ähnlich wie  Geistesverwandte heute die Forderung nach Transparenz erheben. Einfach erzählen und so den Gefühlen und Wahrheiten zu ihrem Recht verhelfen, das war die Devise und es war auch die Geburtsstunde des Romans.

Einschub:

Ähnliche klassische Fesseln wie die hier erwähnten haben den Sozialismus schon ausgehöhlt, bevor er irgendwo "real" werden konnte. In der akademischen Diskussion über den "subjektiven Faktor" (eigentlich ein Unwort,  da es selbst kalkulierend, objektivierend daherkommt. Darauf wies Peter Brückner hin) wurde erkannt, dass seine Abspaltung und Ausblendung aus der politischen Reflexion der Marxisten, zu Kreativitätsverlust, Entdemokratisierung und dogmatischer Selbstzerstörung sozialistischer gesellschaftlicher Alternativen geführt (zumindest entscheidend beigetragen) hat. Diese Erkenntnisse wurden allerdings nicht nur von dogmatisch verengten Marxisten im Realen Sozialismus ignoriert und oft gar nicht verstanden, sondern auch von den Strömungen und Nachfolgeströmungen der 68iger Bewegung, die sich schon bald den emotionalen und geistigen Anforderungen emanzipatorischer demokratischer Bewegung nicht gewachsen zeigten und sich in dogmatischen Sekten aufspalteten (die sog. K-Gruppen u.a.)

                                                  
"Antiziganismus? - Breivig zeigt woanders hin!"         

So hörte ich. Ist Antiziganismus für Europa ein Randproblem weil ein Rivalisieren um Religion/Werte das größere Problem ist?

Muslime werden heute von Europäern, die eine politische Festschreibung einer „christlichen Leitkultur“ wünschen, (wieder) als Rivale in Bezug auf Religion angegriffen, wohl hier und da auch verbunden mit der Hoffnung mit dem Schüren dieser Rivalität christliche Religiosität zu beleben. Aber vor allem wollen Leitkulturfans die Macht der rechtskonservativen und neoliberalen Positionen in unserer Gesellschaft stärken. 
Das ist gefährlich. Es schwächt die historisch errungenen konstruktiven gesellschaftlichen Positionen in Europa, die auf dem Boden des humanistischen Teils der Aufklärung und der Menschenrechte stehen und religiöse Begründung nicht brauchen (aber tolerieren) und es schwächt noch anderes:
Es gibt auch in islamisch geprägten Ländern Bereitschaften von religösen Muslimen zwischen Politik und Religion zu trennen. Es gibt sogar entsprechende Verfassungen. Wollen wir die Säkularisierung dort schwächen? Wünschen wir dort eine Stärkung des Islams als politisch festgeschriebene Leitkultur? Und nicht zu vergessen: 
Wollen wir die vielen human denkenden Muslime, die es auch in (noch) nicht säkularisierten islamischen Ländern gibt, in ihrer Position gegen Hetzer schwächen?


Wieder Leitkultur?  

Und wenn ja, Welche? Wollen wir ein Abwürgen von "Multikulti" durch eine Leitkultur, die sich nicht als multikulturelle verstehen kann?
Seien wir sensibel dafür, welche Signale wir aussenden. Dass Radio Multikulti in Berlin, das vorbildlich integrativ funktionierte, abgewürgt wurde, war schon ein Alarmzeichen und dass in der Zeit dann seitens der Bundeskanzlerin versucht wurde, „Multikulti“ in seiner Gesamtheit demonstrativ für tot zu erklären, war noch bedenklicher. Es blieb da nur zu hoffen, dass manche Totgesagten wirklich länger leben können. 

Das Rivalisieren in Bezug auf Religion schwächt nicht nur die konstruktiv um Frieden und Menschenrechte bemühten Anteile innerhalb des Islam, es schwächt auch die innerhalb des Judentums sowie die innerhalb der christlichen Kirchen. Es schwächt alle religiös engagierten Menschen, die nicht miteinander rivalistisch rivalisieren wollen und menschlich der jeweils beste Schatz ihrer Kirchen, Synagogen oder Moscheen sind. 

Ich beschränke mich auf den uns geographisch nahe liegenden Kulturkreis, aber natürlich gilt das auch in Bezug auf noch ganz andere Religionen und weltweit.


Und die Roma?

Auch in Bezug auf die Roma macht es Sinn, die aktuelle gesellschaftliche Dynamik in Bezug auf Muslime, im Auge zu behalten, in der nicht umsonst auch ständig das Wort Integration strapaziert wird. Das Rivalisieren in Bezug auf Religio könnte für uns alle ungeheure Auswirkungen haben, sogar zu einen Weltkrieg beitragen, (dessen Hauptursache vermutlich unsere Unterwerfung unter eine alte Strategie der USA sein würde) aber es wird in der Zukunft sicher - und hoffentlich nicht erst nach einem neuen Weltkrieg - auch wieder heruntergefahren werden, durch die „Händel der großen Nationen“ (siehe a.a.O.).

Wird die interkulturelle Verständigung dann auch den Roma zugute kommen? 
Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine persönliche Erfahrung mit einer interkulturellen psychotherapeutischen Gruppe von Jugendlichen, mit der ich in den achziger Jahren in West-Berlin arbeitete: Nachdem es endlich möglich wurde, dass arabische, türkische, iranische, jugoslawische, französische und deutsche Jugendliche Streit begruben und ein gemeinsames Fest feierten, geschah es, dass die zuvor wortgewaltigsten Kontrahenten, miteinander „versöhnt“, sich ihrer gemeinsamen Ablehnung der „Zigeuner“ zu versichern begannen, (ihren jeweiligen Eltern nachplapperten, wie sich bald herausstellte). In der Gruppe gab es keinen Rom.


Antiziganismus als Kitt für Völkerverständigung?

Zusammenschluß auf Kosten eines Sündenbocks, Antiziganismus als Kitt für „Völkerverständigung“? Kann das, was sich hier im Kleinen abbildete, im Großen geschehen? Kann man sich Völkerfreundschaft und interkulturelle Verständigung auf Basis der Ausgrenzung der Roma vorstellen?
Könnte man einer derartigen Verständigung und Freundschaft trauen? So eine "Völkerfreundschaft" verhindere Europa! 

Es ist dringend zu wünschen, dass die „Händel der großen Nationen“ bewirken, dass die sog. islamische und die sog. westliche Welt ihre Spannungen untereinander reduzieren, z.B. durch einen Frieden in Israel/Palästina und und ... Das weiß inzwischen jeder. Weniger wissen: 

Für Menschenrechte in der Welt und tiefergehende Völkerverständigung kann nur ein Europa glaubhaft eintreten, dass seine Roma nicht ausgrenzt. Hoffentlich geht es in diese Richtung – Begründete Befürchtungen klingen anders und bei Rivalität um eher unbewusst Emotionales ist immer auch mit besonderen Formen von Irrationalität zu rechnen, mit Phänomen, die man so schwer erklären kann, dass man sie leicht verdrängt.

Ich stoße oft auf aktuelle Beispiele aus dem Alltagsleben, die von vielen übersehen werden, will hier nur auf ein besonders bemerkenswertes historisches Beispiel aus unserem Land hinweisen.

Wahnsinn mit Methode.

Der Unterschied der bewusst und unbewusst empfundenen Rivalität in Bezug auf Juden und „Zigeuner“ durch die zeitgenössische/ damalige Leitkultur kam auch im Wahnsinn der Naziideologen, der bekanntlich wie jeder Wahnsinn auch Methode hat, wahnhaft und methodisch zum Ausdruck: Je mehr „Judenblut“ jemand "hatte", desto mehr wurde er zum Feind erklärt. Der sog. reinrassige Jude an erster Stelle. Wenn die Judenahnen in der Ahnenreihe weit genug zurück lagen, wurde der „Mischling“ nicht mehr verfolgt, da das arische Blut dann so vorherrschend sei, dass es sich durchsetzen würde. Das Ganze war so unmenschlich wie scheinrational. 

In Bezug auf die Roma (Ein momentan aktueller Wickipediartikel behauptet fälschlicherweise, dass sie von den Nazis als Semiten bezeichnet wurden .... Das ist nur ein vergleichsweise harmloses Beispiel von auf Schritt und tritt festzustellenden unbewusst begründeten Fehlleistungen in Bezug auf Roma. Diese wird sicherlich bald korrigiert sein, andere werden aber folgen)  drehte man das um und erwog folgenden Plan: 
Die als reinrassig erklärten Roma sollten es als "archaische Sonderform der Arier" in einem Reservat „gut haben“ und wie schöne Tiere studiert werden. Klingt irre und selbst nicht einmal mehr scheinrational. Es folgte: Die Mischlinge sollten vernichtet werden und dazu wurden fast alle erklärt. 
Das war Wahnsinn bei Aufgabe jedes Scheins von Ratio und zugleich ein Extrembeispiel für eine tatsächlich mögliche Gleichzeitigkeit von Feindseligkeit und verlogener, pseudoromantischer Verklärung und deren besonderer Gefährlichkeit. 
Weil es solche rassistisch und zugleich pseudoromantische Hitleristen (wie z.B. Eva Justin) gab, haben die Hüter antiromantischer Reflexe heute oft ein leichtes Spiel in dem die Pseudoromantiker zur Diskreditierung der Romantiker herhalten sollen.  Dazu vielleicht einmal mehr. Hier nur:


Schönes Brauchtum, schöne Kunst

Es könnte interessant werden, sich einmal mit unseren Volksliedern, Dichtungen usw unter dem Aspekt Romantik - Pseudoromantik - Antiromantik - und Antiziganismus zu beschäftigen. Dabei wären grob zu unterscheiden, welche Lieder, Dichtungen, oder Bilder, oder, oder, echt romantisch sind und welche in pseudoromantischer antiziganistischer Absicht versuchen Terrain zu besetzen.
Vielleicht stelle ich einmal einige Beispiele vor. Antiziganismusverdächtig finde ich z.B. "Lustig ist das Zigeunerleben" während ich das Pfadfinderlied "Ich kenne Europas Zonen" mag, auch wenn ich dem Helden des Liedes Geld wünsche, obwohl er darauf pfeift.

Europa braucht Roma und Stärkung seiner.....Teil 2


  Falsches Denken über Roma:

In Frankreich positionierten sich viele Menschen gegen Ausgrenzung von Roma, zugleich gibt es dort und hier viele Menschen die dieser Ausgrenzung zustimmen. Wenn man mit Letzteren spricht, kann man feststellen, dass sie von irrationalen Auffassungen über Roma ausgehen und dass diese Auffassungen sie daran hindern, in Roma Europäer wie sich selbst zu sehen. Wie kommt es, dass das Denken vieler Menschen in Bezug auf Roma so irrational ist? 

Ich versuche hier spontan einige Fakten zusammenzutragen und Gedanken zu formulieren, die Orientierung geben können, um Antworten auf diese Frage zu finden und es erleichtern können, dem irrationalen Denken entgegenzutreten. 

Die Quellen meines in Jahrzehnten angehäuften Wissens, in Bezug auf mein Thema, weise ich hier nicht im Einzelnen nach. Einem Austausch über entsprechende Informationsmöglichkeiten stehe ich bei Interesse offen gegenüber. Nur soweit: Bestimmend sind für mich: Persönliche Erfahrungen, einschlägige Literatur, Information von Menschenrechtsorganisationen, sozialpsychologisches und politisch-psychologisches Wissen. 

Schattenseiten - Sonnenseiten:

Jeder kann es erleben: Menschen projizieren (so wie ein Filmprojektor) eigene Schattenseiten auf Menschen, die sie nicht kennen und verweigern, unter Verweis auf diese Schattenseiten, diese ihnen fremde Menschen kennenzulernen. 
Menschen dagegen, die bereit sind „Fremde“ kennen zu lernen, erkennen auch bald ihre eigenen Sonnenseiten in anderen, lernen darüber hinaus zu differenzieren und „fremde“ Menschen real zu sehen. 
In Bezug auf Roma geschieht dies natürlich genau so, wie in Bezug auf Menschen anderer Kulturen. Warum sollte es auch anders sein? Und doch geschieht zugleich noch etwas anderes: 

Was so anders sein soll:

Wenn man die Frage, warum es in Bezug auf Roma anders, als in Bezug auf andere „Fremde“, sein sollte, harmlos stellt, sind erschreckend viele Menschen um zwei schnelle Antworten nicht verlegen. Die Erste: 
„Weil die anders sind und sich nicht integrieren wollen.“ oder noch schärfer die Zweite: „Weil die kriminell sind.“ 
Zur ersten Behauptung:
Menschen die seit Jahrhunderten unter uns leben, in unserer Volkskultur, in unserer Klassik, unseren kollektiven Fantasien, verankert sind, (Für den das wichtig ist: Seit langem auch die Mehrheitsreligion teilen) lassen sich nicht integrieren? 
Was ist das für ein Integrationsbegriff der da bemüht wird? Integration heißt Zusammenschluss, also ein Geschehen auf Gegenseitigkeit. Kann die Bedingung dafür für ein Seite Verzicht auf Gleichberechtigung und Aufgabe eigener Identität sein? Vielleicht sollte man im Falle der Roma sogar das ganze Integrationsgerede sein lassen, einfach weil es sich nicht gehört, von Jemanden der schon ewig zu einem gehört, Integration einzuklagen. Man sollte  den Zugehörigen als Gleichberechtigten  betrachten und sich unter diesem Gesichtspunkt über sein eigenes Verhalten Gedanken machen.  
Zur zweiten Behauptung: Was ist Kriminalität und wer ist kriminell? Gerade die wirtschaftlich ärmste Minderheit soll als solche kriminell sein? Erfolgreichen Kriminellen geht es anders als der Masse der Roma und es ist grundsätzlich festzustellen, dass Kriminalität von Roma, soweit sie real existiert, als Folge von Unrecht, Unterdrückung und Not begründbar ist. Dort wo Roma am meisten akzeptiert werden, ist die Kriminalitätsrate am geringsten, dort wo sie legale Verdienstmöglichkeiten bekommen, verschwindet sie gegen Null. Die Geschichte der Roma in Europa, ist auch die Geschichte der Verhinderung legaler Verdienstmöglichkeiten durch andere. Lange Zeit über wurde ihnen auch das Sesshaftwerden verwehrt. Herumziehen bot dann streckenweise legale Möglichkeiten und es entstand aus einer Not eine Tugend, "Die romantisch verklärte Freiheit des Zigeunerlebens“, so nennt man es oft. 
Aber auch diese Möglichkeiten wurden mehr und mehr eingeengt. Viele Roma waren schon lange sesshaft, aber: Die Sesshaftigkeit großer Romapoulationen, als Sklaven in den osteuropäischen Ländern war nicht das reine Glück. Dagegen bot die Sesshaftigkeit den Roma im realen Sozialismus schon mehr, wenn auch sehr begrenzt, auch da sie erzwungen war. Aber immerhin, denn nach dem Zusammenbruch des Realen Sozialismus wurde es für die Roma viel schlimmer: Ohne Bildungs- und Arbeitschancen entstand neue Hilflosigkeit und trug zu einer Kriminalität aus Not bei, die eher im Sinne unseres in der BRD noch bis 1975 juristisch geltenden Begriffes des Mundraubs, der den Hungernden und Not leidenden vor Strafe schützte, zu beurteilen ist. 

Auch in Deutschland sind übrigens die wenigen Sinti und Roma, die den Holocaust überlebt haben und ihre Nachkommen, inzwischen fast alle schon lange sesshaft und als Volksgruppe im Vergleich zu den Nichtroma ohne erhöhte Kriminalitätsrate. Insbesondere die Springerpresse bemühte sich allerdings antiziganistische Vorurteile zu bestärken, indem sie Kriminalitätsfälle frei erfand, oder wirklichen Kriminalitätsfällen erfundene zufügtesuggerierte, dass es sich um Beispiele von noch vielen anderen handele und rassistisch propagandistisch ausschlachtete. (Ob das aktuell noch so geschieht, weiß ich nicht.)
Ich kann nicht beurteilen, ob es unter Roma  einen vergleichbar hohen, oder gar höheren Anteil an größeren, also wirklich Kriminellen gibt, wie unter Nichtroma. Ich würde mich nicht wundern, wenn es andersherum wäre.
Aber selbst wenn es nicht andersherum wäre, würde das nicht dazu berechtigen, rassistisch zu argumentieren und Roma als solche als kriminell zu bezeichnen. Wir alle sind von immer zahlreicheren und im Vergleich „mit viel mehr Wassern gewaschenen“, darum erfolgreicheren und nicht als solche bezeichneten, geschweige verfolgten Kriminellen unserer fetischisierten "Mehrheitsgesellschaft" umgeben und dominiert. Wenden wir uns deshalb gegen Wehrlosere weil wir uns den Wehrhafteren unterwerfen? - Und weil wir insgeheim wissen, dass wir, lebten wir unter vergleichbaren Bedingungen wie viele Roma, so wenig Hemmungen vor kriminellen Handlungen hätten, wie wir diesen unterstellen?
Ende des zweiten Weltkriegs und in der ersten Nachkriegszeit neigten größere Anteile unserer ansonsten so "ehrbaren Mehrheitsgesellschaft" im Alltag zu kriminellen Handlungen, als es seitens der Minderheit der Roma in vergleichbaren Notlagen geschah und geschieht. 
Das muss nicht heißen, dass Letztere an sich bessere Menschen sind. Es ließe sich damit erklären, dass sie, weil sie schon immer, oder immer wieder, unter Armut und Extrembedingungen lebten und familiär trotzdem zusammenhalten mussten, lernten, nicht so schnell moralisch zu desintegrieren wie verwöhntere Bürger.  
Was ich hier anspreche, hat Tony Gatlif in seinem Film „Tod im Regen“, der seinerzeit sowohl für Angehörige der "Mehrheitskultur" wie für die der Roma eine Herausforderung, Aufklärung und Denkanstoß bedeutete, in einer Scene prägnant dargestellt: Ein Roma in Not geht zusammen mit einem Nichtroma in einer menschenleeren, vielleicht sogar ungenutzten, Fabrikhalle auf Kabeldiebstahl. Als der Nichtroma auf der Tour einer alten Dame Gewalt antun will, bestraft ihn der Roma in spontaner menschlicher Empörung. Weil er ein besserer Mensch ist? 
Lassen wir solche Formulierungen. Mit ihnen kann man sich zu leicht verirren. Sicher ist, dass dieser Roma mehr bei sich war, als der, der sich an der alten Dame vergreifen wollte. Nun wird auch mancher Roma, dem der familiäre Kontext und vergleichbar wichtige Beziehungen und vielleicht noch mehr zerstört wurde, weniger gegen moralische Desintegration gefeit sein, als wenn seinen Menschenrechten entsprochen worden wäre. Ich vermute es, weil es bei vielen Nichtroma mit vergleichbaren Erfahrungen so ist. Aber zugleich weiß ich, dass es, sowohl unter Roma, wie unter Nichtroma, viele Opfer von Destruktion gibt, die keinesfalls moralisch desintegrieren, sondern andere vor dem Leiden, das ihnen widerfahren ist, zu schützen versuchen.

Was ist denn nun wirklich anders? 

Die Ausgrenzungsreflexe seitens der "Mehrheitsgesellschaft" (In Wirklichkeit vor allem seitens derer aktiven Antiziganisten, die immer gerne vorgeben für alle zu sprechen) werden stereotyp mit einer Andersartigkeit der Ausgegrenzten begründet, die manches Mal fast wie eine unheilbare und ansteckende Krankheit beschrieben wird, deren Träger man unter Quarantäne stellen sollte. Was ist denn bei den Roma nun wirklich anders als bei uns und anderen? 
Ein intellektueller Verdacht aus meiner Jugendzeit, ist mir zu einer persönlichen Gewissheit geworden: Menschlich ist nichts anders. Aber historisch/politisch haben Roma über ewiglange Zeiträume hinweg besondere Lebensbedingungen gehabt und es wäre Zeit, dass Europa auch seiner größten ethnischen Minderheit endlich gibt was ihr zusteht.
Eine persönliche Erfahrung aus jungen Lebensjahren hat sich mir als wegweisend erwiesen: Wenn wir sie begrüßen, bereichern sie uns, wenn wir sie ausgrenzen, verarmen auch wir. Europa braucht Roma und, nur natürlich, sie auch uns.

Bei diesem Gedanken fällt mir ein: Vielleicht haben Roma deshalb, weil sie Nicht-Roma bereichern können, in der Geschichte Europas wiederholt Schutz seitens mancher Adligen erfahren. - eher in Frankreich und England als bei uns - und wurden von ihnen auch vor behördlicher Verfolgung versteckt.
Fühlten sich nur Adlige von ihnen bereichert? Offenbar ging es  einfachen Bürgern ähnlich, aber sie konnten sich - insbesondere in deutschen Landen - Verboten "Zigeuner" zu beherbergen, schlechter widersetzen. Wenn sie es taten, geschah es heimlich und so sind diese Widerstandsakte nicht, oder kaum  dokumentiert worden
Stimmt nicht: Indirekt schon, da die Verbote dokumentiert sind und ja wohl nicht "umsonst" verhängt wurden. Der Widerstand gegen Antiziganismus unter den "einfachen Bürgern" hat natürlich auch anderweitige Spuren hinterlassen. Denen würde ich gerne nachgehen.  Zugänglich sind uns heute meist nur amtliche Papiere, die antiziganistische Propaganda dokumentieren. 
Zeigt sich am Beginn der Geschichte „Europa und Roma“ etwas was heute (gewissermaßen unbewusst geworden) weiterhin eine Rolle für den Umgang mit ihnen spielt? 

Privileg und Entrechtung.

Auch als „die ersten Roma“ vor Jahrhunderten nach Europa kamen, standen keine politischen Mächte hinter ihnen, die sie den europäischen Höfen und Adeligen interessant hätten machen können. Sonderrechte bekamen Roma nur, weil einige es verstanden, Hof und Adel ähnlich zu beeindrucken, wie es Künstler, Wissenschaftler oder Heiler mitunter taten. Die Städte, die Bürger also, mussten dann die herumreisenden „Ägypter“, wie sie genannt wurden, unterbringen und beköstigen wie Adlige. Diese "goldene Zeit" der Roma hat zwischen 40 und 80 Jahren gedauert. Dann wurden sie entrechtet und erlitten (insbesondere seitens dominierender Gruppen des städtischen Bürgertums) auch gegen den Adel aufgestaute Emotionen und wurden auch in der französischen Revolution zum Sündenbock gemacht. (mitgefangen, mitgehangen)
Vielleicht liegt hier eine der historischen Wurzeln für das schwer rational erklärliche Zugleich von Verachtung und - oft heimlicher - Bewunderung der Roma seitens Teilen der Mehrheitsbevölkerung. Für den Neid, der manche Menschen noch heute von Bevorteilung der Roma schreien lässt, wenn ihnen nur selbstverständlichste Bürgerrechte zugestanden werden sollen. Eine weitere historische Wurzel des Zugleichs von Verachtung und heimlicher Bewunderung der Roma könnte in ihrer widerständigen Rolle im Zuge der kapitalistischen Industrialisierung liegen 
Aber Wandererfahrungen, Besondere Kenntnis der Natur, Fleiß, handwerkliches Geschick, Zusammenhalt und Entwicklung neuer Überlebensstrategien halfen ihnen immer wieder zu überleben, - ohne ein eigenes Land zu haben, auch versklavt, wie jahrhundertelang in Rumänien und selbst lebensbedroht und als "Vogelfreie" für jedermann zum Abschuss freigegeben, wie wiederholt in deutschen Landen. Im historischen Vergleich zu anderen europäischen Ländern sind sie in Deutschland z.T. den härtesten Maßnahmen und vor allem den am konsequentesten durchgeführten ausgesetzt worden. Im Dritten Reich war man ihnen gegenüber dann so konsequent und hinterhältig, dass nur wenige von ihnen überlebten und danach konnte das sogar noch jahrzehntelang verheimlicht und verleugnet werden.

Zurück zu Positiverem: 

Auch zur goldenen Zeit ihrer Sonderrechte hatten Roma nicht nur bürgerliches Stöhnen und Neid erlebt. Sie hatten neben dem Interesse von Adligen auch bäuerliches und  bürgerliches Interesse an sich und ihren Erfahrungen erfahren können und blieben durch die Jahrhunderte immer wieder auch als Überbringer von Wissen interessant und erwünscht. Das betrifft Wissen über andere Regionen, heilkundliches Wissen, psychologisches Wissen und Wissen über Tiere, insbesondere über Pferde. Sie waren vertraut mit der Metallbearbeitung und verfügten dabei über Kenntnisse, die ansonsten in Europa unbekannt waren. Sie waren Überbringer von Musik und Geschichten. Und was in der Geschichtsschreibung gerne untergeht:


Bewahrer von Volkskultur:

Wenn, wie besonders im Dreißigjährigen Krieg, ein Landstrich wieder einmal durch Krieg, Ausbeutung, Hunger und Seuchen heruntergekommen war, brachten "Zigeuner" den Einheimischen wichtige Elemente der jeweils eigenen verloren gegangenen Volkskultur zurück. Einem wegweisenden Integrationsbegriff, wie Europa ihn braucht, entsprechend, kann das nicht genug gewürdigt werden! (Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurden sie wieder verfolgt)
Es ist eine in hohem Maße integrative Aufgabe, Identität zu stärken und nicht einen nivellierten Einheitsbrei zu wollen, der zu Monokultur und das heißt zum geistigen Tod aller Beteiligten führen würde. Positiv zu verstehende Integration setzt Gegenseitigkeit voraus, kann nur in Gegenseitigkeit gelingen und dazu gehört, dass man den Roma ihre Würde zugesteht. 
Das kann konkret und im Einzelnen Vieles beinhalten, da Roma in sehr unterschiedlichen Situationen lebten und leben. Vielen geht es heute wieder primär um Sicherheit für Leib und Leben und um Wohnung und Arbeit. Es geht aber auch um Bildung und darum Teile der eigenen Geschichte zurückerobern zu können, z.B. durch von ihnen selbstverwaltete Schulen, in denen es Unterricht in ihrer Sprache und über ihre Geschichte und Kultur (natürlich auch um Sprachen und Bildung der Mehrheitsgesellschaft) geben kann. Wir könnten etwas beisteuern, aber direkt Lehrer wären sicher am Besten Roma selbst. Nicht zu vergessen: Werden unsere Kinder in der Schule über die Wahrheit in Bezug auf Roma aufgeklärt, oder ahnungslos den Antiziganisten überlassen?

 


Europa braucht Roma und Stärkung seiner ...Teil 1



Erste Fassung von Teil 1 - 4  2010

Zu meiner Person, insoweit es für das Thema relevant ist: 
Schon als Kind empörte mich Feindseligkeit gegen "Zigeuner", die für mich dabei zunächst einfach nur Menschen waren, über die sich gerade die ein Urteil anmaßten, die sie nicht kannten. So lehrte es mich meine Mutter, - erstmals als ich mich Anfang der 50iger Jahre mit der Trennung von meinem ersten Freund, einem „Brown Baby“ (Kind einer weißen Deutschen und eines schwarzen GI) auseinandersetzte. Später erzählte sie mir, wie noch mein Ururgroßvater, ein in seiner Gegend im Weichseldelta hochgeachteter Lehrer, dafür sorgte, dass jährlich in den Sommer-/Ernteferien eine Romagruppe in den Klassenräumen des ansonsten von ihm und seiner Familie bewohnten Schulhauses wohnen konnte. Er setzte damit eine Familientradition der Freundschaft mit Roma fort, die bis auf wiederum seinen Ururgroßvater, zurückverfolgt werden kann, der 1700 plus x (x < 15) eine ungarische Romni heiratete und historisch einer der ersten, wenn nicht sogar der erste, Lehrer seiner Gegend wurde.
Ein Sohn meines Ururgroßvaters heiratete die Tochter eines Prussen, der gar nicht daran dachte, sich als solcher zu verleugnen, nur weil die so genannten Preussen (richtig gelesen, ich bezeichne die glorreichen Preussen hier als sogenannte Preussen) nach Unterwerfung und teilweiser Ausrottung der Prussen, diese auch noch aus dem Gedächtnis der Welt zu tilgen versuchten, indem sie sich ihren Namen gaben ("Vornehm" heißt es: sich nach der Region benannten) und dafür sorgten, dass Prussisch "vergessen wurde" und die meisten Prussen dort deutsche Familiennamen annahmen, so wie sie in Polen polnische annahmen. 

Diese sehr frei und schon mehr europäisch als national denkende Uroma von mir war der Meinung, dass ein Testament dem Anspruch nach die Wahrheit über die Vorgeschichte zu sein hat "so wie das Alte und das Neue Testament es zu sein vorgibt". Sie klärte insbesondere meine Mutter über Vieles auf und sorgte dafür, dass die Romageschichte, sowie die der Prussen, in meiner (Groß-)Familie nicht von den um bügerliche Reputation und insbesondere in der Nazizeit auch um bloße Sicherheit bemühten Familienangehörigen totgeschwiegen werden konnte. Einen Verbündeten fanden sie und meine Mutter dabei besonders im Vater meiner Mutter, der außer österreichischen, kaschubische Ahnen hatte. 

So wurde ich schon als Kind im Sinne eines nationalstaatliches Denken überwindenden europäischen Denkens beeeinflusst, wurde für das Thema „Untertanengeist versus antiautoritäres, oder freiheitliches Denken“ sensibilisiert - und dafür, dass Antiziganismus, historisch und aktuell zu verstehen, aufzulösen, oder zu bekämpfen, für einen echten inneren Frieden in Europa unabdingbar ist.

Bevor mein älterer Bruder Europa verließ, um als Soziologe in Südamerika zu arbeiten, hatte er engen Kontakt mit einer Romagruppe in Spanien, der nach Jahren „legalisiert“ wurde, indem ein Romafreund Taufpate seiner ersten Tochter wurde. Ich studierte damals Psychologie, wozu mich 1967, nach einem Studienbeginn in Politologie und Soziologie, ein Sozialpsychologe, politischer Psychologe und Psychoanalytiker motivierte, der als Halbjude früh gelernt hatte, was Untertanengeist heißt und Antiautorität lehrte, die nicht dem Zerrbild davon entspricht. 
Als Psychologe und Psychotherapeut hatte ich wiederholt Klienten mit Romaverwandtschaft und pflegte privat freundschaftliche Beziehungen mit Roma, deren Nachbarn und Kollegen nicht wussten, dass sie welche waren. Eine Jenische wurde Trauzeugin für meine Frau und mich.
Es gab Jahrzehnte, in denen ich alles las, was ich zum Thema Roma zu lesen bekam und als sich Anfang der 80iger Jahre in der BRD die Sinti und Romaunion, im Verbund mit einer Menschenrechtsorganisation, für die politische  Anerkennung der Naziverbrechen an den Roma in Europa einsetzte, wurde ich Mitglied in dieser Menschenrechtsorganisation.

In Jahrzehnten "gewöhnte" ich mich an etwas, an das ich mich nie gewöhnen kann: Viele Menschen äußern sich entweder antiziganistisch, sehr häufig ohne je einen Roma kennengelernt zu haben (oder ohne zu reflektieren, wie sie sich beim "Kennnenlernen" selbst aufführten), oder sie zeigen keine Meinung, oder sie fragen nur wie denn diese Minderheit in Wirklichkeit geartet sei. Und das wollen sie dann von mir oder anderen Nichtroma wissen und sich nicht auf die Selbstdarstellung der Roma einlassen, die doch für jedermann zugänglich ist.
Dass wir Nichtroma uns mit uns und dem Antiziganismus in unserer Gesellschaft auseinandersetzen müssen, um uns und den Roma ein gemeinsames besseres Europa zu ermöglichen, wird dann oft, wenn überhaupt, nur abstrakt verstanden, also nicht wirklich verstanden. 
Meine Erfahrungen haben mir immer wieder gezeigt, dass es für erwachsene Nichtroma (Kinderfragen an Erwachsene sind von anderer Selbstverständlichkeit) sinnlos ist untereinander über eine „Andersartigkeit“ der Roma zu sprechen, auch nicht akademisch verbrämt.  Es wird nur Faselei und verstärkt die schlechte Gewohnheit sich nicht mit den Roma selbst und dem  eigenen Rassismus, was Antiziganismus naturgemäß ist, auseinanderzusetzen.
(Überflüssig das so zu betonen? Ich habe es erlebt, dass Leute den "Verdacht von Rassismus" empört von sich wiesen und antiziganistisch weiter redeten.)
Schlimmstenfalls, oder sogar in der Regel, geht es dabei nur darum Bestätigung und Futter für das eigene  Ressentiment zu suchen, das durch eine behauptete Andersartigkeit der Roma geradezu hervorgerufen werden würde, was dann beweisen soll, dass man nichts für die eigene Feindseligkeit könne. 

Glücklicherweise habe ich auch Erfahrungen mit wirklich menschenfreundlichen Menschen gemacht und dabei festgestellt: Nichtroma, die sich  romafreundlich äußern und ihren Äußerungen dabei kein intellektuelles Mäntelchen umhängen, werden seitens mancher "gebildeter" Meinungsmacher schnell als "romantische Spinner" abgetan. Das ist Anstoß geworden mich mit dem Phänomen antiromantischer Reflexe analysierend zu beschäftigen und intellektualistisch daherkommende antiromantische Attacken in ihrer menschenfeindlichen Spießigkeit zu entlarven.